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Antisemitismus in den Ostseebädern

Am 30. August 1923 veröffentlichte die projüdische Centralverein-Zeitung (C.-V.-Z.) unter dem Titel „Zinnowitzer Eindrücke einer christlichen Leserin“ den nachfolgenden Beitrag:

„Der Wunsch, etwas Neues kennen zu lernen, veranlaßte uns, so schreibt eine christliche Freundin der C.-D.-Zeitung, das uns vertraute Arendsee diesmal mit Zinnowitz zu vertauschen. Nichtsahnend betraten wir den von vielen Seiten gerühmten Badeplatz, um bald auf das unangenehmste zu empfinden, in welcher Umgebung, welcher antisemitisch verseuchten Luft wir uns befanden. In jeder Kantine das ominöse Hakenkreuz, dazu ein gegen die Juden gerichteter Vers oder Spruch, von denen einer den anderen an Geistlosigkeit zu übertreffen suchte.“ Es ist die Zeit der Weimarer Republik, in der sich Antisemitismus unter dem propagandistischen Einfluss von Deutschvölkischer Freiheitspartei und NSDAP in den Ostseebädern rasant entwickelte. Vereinzelt hatten antisemitisch beeinflusste Hotel- und Pensionsbesitzer bereits vor dem Ersten Weltkrieg in ihren Reklamen und Badeprospekten sowie in Zeitungen deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens die Unterbringung verweigert. Die zuständigen Badeverwaltungen duldeten derartige antisemitische Anzeigen, während die nichtjüdische Öffentlichkeit damals von diesem Problem kaum Notiz nahm. Jüdische Organisationen hingegen machten zwar darauf aufmerksam, doch die Bemühungen, sich gegen solcherlei Ausgrenzungen zu wehren, blieben meist vergeblich. Laut der Zeitschrift des Centralvereins galten bereits 1914 in Arendsee die Hotels und Pensionen Villa „Lubeca“ und „Waldhaus“ sowie in Brunshaupten Villa „Minerva“ als antisemitisch eingestellt. Als christlich bezeichneten sich in Arendsee das Logierhaus „Wotan“ und in Brunshaupten die Pensionen „Bella Vista“, „Castle Mona“ und R. Stichert, Lindenstraße 52.

Vor dem Ersten Weltkrieg veränderte sich bereits die individuelle Ausgrenzung von Juden in den Ostseebädern Bansin und Nienhagen die Gesamteinschätzung dieser Orte nachhaltig. Im Verzeichnis „Im deutschen Reich. Zeitschrift des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ wurden beide Ostseebäder im Jahr 1914 als „Christlicher Badeort“ bzw. „Christliches Ostseebad“ bezeichnet, deren Besuch Juden nicht ausdrücklich empfohlen wurde.

Im Verzeichnis der judenfeindlichen Erholungsorte, Hotels und Pensionen 1927/29 ist folgendes zu lesen: „Arendsee: 01.06.1928: Landhaus ‚Fritz Reuter‘ besitzt ein Plakat mit den Worten: ‚Zimmer frei für Germanen‘, 07.06.1929 ‚Rheinischer Hof‘ inseriert ‚Judenfreies Haus‘, Haus ‚Vineta‘ schreibt ‚Vornehme judenfreie Familienpension‘, Haus ‚Burmeister‘ tituliert sich als ‚Ruhiges christliches Heim‘, Hotel ‚Waldperle‘ hebt ‚Judenfrei‘ hervor.

Brunshaupten: 29.03.1929 Villa ‚Barbarossa‘ schreibt: ‚Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich Mitglied der Deutschvölkischen Freiheitspartei bin, und da Sie Jüdin sind, werden wir nicht miteinander fertig werden.‘ Haus ‚Hubertusburg‘ antwortet auf ein Schreiben: ‚Ich bemerke, daß ich nur Germanen aufnehme.‘ Haus ‚Ostseestern‘ hisst eine große Hakenkreuzfahne. Pension ‚Seeblick‘ teilt mit: ‚Ich habe mich entschlossen, nicht an israelitische Herrschaften zu vermieten.“

Einige Gaststättenbesitzer vertreiben sogar gewisse Symbole, die verdeutlichen, dass hier vorzugsweise Nationalsozialisten verkehren. Dagegen stellt sich das Haus „Siegfried“ in Arendsee 1925 klar als jüdische Pension dar und auch die Villa „Ramm“, das Hotel „Wiek“ , die Pension „Union“ in Arendsee und das Haus „Miramare“ sowie Hotel und Pension „Deutsches Haus“ in Brunshaupten inserieren in der C.-V.-Z. vom 14. Juli 1931. Das Hotel „Miramare“ wirbt letztmalig am 30. Mai 1935 in der C.-V.-Z.:der Betreiber des Hotels, Franz Herm, beherbergt als Kommunist nachweislich auch 1937 noch jüdische Bürger.

Wie stark der Bäderantisemitismus 1931 bereits ausgeprägt war, verdeutlicht die nachfolgende Veröffentlichung vom11.09.1931 in der C.-V.-Z.: „Ihre Feststellung, daß auch in diesem Sommer der parteipolitische Burgfriede in den Ostseebädern keineswegs gehalten wurde, muß ich als genauer Beobachter leider bestätigen. Folgende Einzelfälle mögen ihre Feststellung bestätigen: Auf der Kurpromenade in Brunshaupten wurde erst vor einigen Tagen einer älteren jüdischen Dame aus angesehensten Kreisen, die dort mit ihrem Sohn und dessen Freund ein paar Schritte gingen, von vier nationalsozialistischen Burschen das hetzerische „Hepp-hepp“ nachgerufen. Als die beiden Begleiter der Dame die Burschen stellen wollten, erwählten diese den besseren Teil der Tapferkeit.

Ein jüdischer Gast verfehlte am Strande beim Ballspiel seinen Partner, so daß der Ball in die Burg einer fremden Familie fiel; die Familienmutter ermahnte ihre Kinder, sich ja sofort die Hände zu waschen, denn die Ballspieler seien Juden.“



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